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Eine kleine Pension irgendwo in Bayern. Böse Blicke im Frühstücksraum. Why? Ist es mein Gitarrenkoffer mit dem "Franz Josef?-Nein Danke"-Sticker? Das Hertha-Shirt meines Sohnes? Meine preusssiche Aura? Der unpreussische Zustand unseres Zimmers? Waren wir zu laut? Oder zu leise und somit nicht unterhaltsam genug? Über dem Frühstücksbuffet hängt Jesus, der Arme, wie immer ans Kreuz genagelt, ferner eine Auszeichnung von der Wirtevereinigung Biederbayern e.V. "Beste Schweinshaxn des Jahres 1960" und eine mit Fotos versehene Urkunde: "Unser Dank gebührt den  Teilnehmern unseres siegreichen Krieges"- ausgestellt am 2. April 1945, Unterschrift des deutschen Reichskanzlers. Hilfää! Allein unter Nazis, nichts wie weg hier- sehr bösen Blick* zurück nicht vergessen.

A propos Schweinshaxn, sind Vegetarier friedlichere Menschen? Gibt es Studien dazu?

Mein neuer Literaturagent in spe ist Vegetarier, aber kein Veganer, denn vor ihm steht ein XXL- Milchkaffee. Ein rüstiger, kleiner, drahtiger Herr um die Mitte 60 mit erstaunlich blonden Haaren (echt wirkendes blond) für einen Herrn seines Alters und strahlend blauen, hellwachen Augen. Er hat mein Exposé vor sich liegen, plus die ersten 20 Seiten meines Episodenromans in spe, den man vielleicht, so die Sterne es wollen, eines Tages veröffenlichen könnte. Ich habe mich für das Treffen standesgemäß gestylt, die Ray-Ban Brille zu Hause gelassen, dafür bei Brille Fielmann noch ein schickes Gestell mit ohne Dioptrien erstanden, Ausschnitt tief, Jeansrock, nicht zu schick, nicht zu lässig, ein wenig bodenständig, in etwa der Look einer durchschnittlichen Praktikantin im Hauptstudium Germanistik**. Er heisst Tim und ist ein sehr freundlicher Kerl, der mir die unfreundliche Realität des Literaturbetriebes erläutert. Bei den meisten Autorinnen reiche es trotz harter Arbeit gerade mal für ein Taschengeld. Ob mir das ausreiche, was er in Anbetracht meiner familiären Konstellation vermuten würde? Ich bin gar nicht so verheiratet, wie es aussieht, betone ich, um meinen Realitätssinn geschickt unter Beweis zu stellen, und mein Mann ist auch sehr geizig, aus diesem Grund sei mir jeder Cent recht, aber -jetzt der rethorische Clou- das Schreiben sei eine meiner Leidenschaften, der schnöde Mammon nicht meins, dafür -lachlach sei er, Tim, dann ja da. Seine blauen Augen gefallen mir, seine Art auch (Ü60-ich werde wohl langsam erwachsen), er scheint Zeit zu haben und fragt mich, wie ich denn zum Schreiben gekommen sei... Für die Antwort muss ich ausnahmsweise ein wenig in die Vergangenheit schweifen... Damals war es, Bloggella zählte knappe 13 oder 14 Lenze und hatte sich in den neuen Mitschüler Julius verguckt (der hatte allerdings nicht blaue, sondern schöne braune Augen und eine sanfte Ausstrahlung), man lernte sich kennen und würde sich bald näher kennenlernen. Bei einem gemeinsamen Wochenende in München***, bei Julius Tante würden wir uns näher (und zusammen-)kommen, so meine nicht ganz unberechtigte Hoffnung. Julius Tante sah uns bedeutungsvoll an, und verkündete, sie sei die Nacht leider nicht zu Hause, aber wir würden bestimmt keinen Unsinn machen, oder? Da lagen wir nun in aller Unschuld (nicht mehr lange, dachte ich in Vorfreude), der Vollmond schien durchs Fenster, Romantik, Spannung, wir sahen uns verliebt an... Dann wollte Julius mir mal etwas gestehen, was er prompt auch tat. Er liebe Männer, so sagte er und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich als angehende Frau in diesem Fall und dieser hochromantischen Vollmondnacht etwas dumm dran war. Dumm war auch, dass meine "Liebe" zu Julius noch ein paar Jahre hielt, dumm auch, dass Julius zwar Männer liebte, aber doch sich fast nur mit mir traf, was endlose Nächte zur Folge hatte, in denen wir REDETEN REDETEN REDETEN (ein Hinweis auf meine masochistische Ader: nächtelang verliebt mit einem Mann reden). Worüber? Na, über Männer natürlich. Super Jugend, sach ick nur. Herzschmerz for beginners. In der Schule konnte man dann ausschlafen oder sich mit Julius Briefe schreiben. Worüber? Na, über Männer natürlich...Ja, und aus dieser Briefe-Zeit stammt also mein Interesse am Schreiben...Später, als ich dann einen nicht schwulen Freund hatte, zerbröselte unsere Beziehung allmählich, denn Julius hatte sich natürlich diesen meinen Freund als Objekt der Begierde ausgesucht und versuchte, ihn mir gar unfreundschaftlich mit allen Mitteln abspenstig zu machen, und so weiter und so laber...Tim hat meine Ausführungen mit (so scheint's) Interesse verfolgt und will jetzt wissen, ob ich denn noch Kapazitäten habe. Boa, die gehen ja ran, diese Literaturheinis... Ich versuche mich in einer verführerischen Pose, in welcher mein Jeansrock nur so weit hochrutscht, wie es meinem fortgeschrittenen Alter zuträglich ist, und formuliere ein bedeutungsvolles und auf jeden Fall zweideutiges "Nun ja", woraufhin mir Tim erklärt, dass er noch ein-Mädchen-für-alles (er sagt tatsächlich Mädchen. aber klar, von ihm aus gesehen bin ich ja fast noch ein Mädchen...) für sein Büro suche, also, sagt er, jemand, der Kaffee kochen kann und auch mal das eine oder andere Manuskript durchsieht, und meine  Art gefalle ihm ganz gut, der Status (und somit auch die Entlohnung) wäre der einer Praktikantin, die Dauer würde man dann sehen, und was mein Manuskript betrifft, das müsste schon 50 Seiten Minimum betragen****, vorher könnte er leider dazu nichts sagen*****, was aber nicht heissen solle, das wir hier nicht zusammenkämen. Ich denke an meinen neuen Nachhilfeschüler, dessen Mutter letzte Woche in Tränen ausgebrochen ist, als ich ihr andeutete, dass die Französischarbeit wohl nicht die ersehnte Traumnote bringen würde. Ich beschliesse, dass ich Kapazitäten habe und sage Tim, dass ich über sein Angebot nachdenken werde. Auch darüber denke ich nach:

Brief, der zufällig aus der Gitarrentasche rutscht: Lieber Gitarrenguru! Ich habe Kapazitäten, u.U. auch Qualitäten, in jedem Falle Kapriziositäten-ich warte auf (d)ein Angebot! Deine Flamme in spe.

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*Hier nicht zu verwechseln mit dem BÖSEN BLICK, ein fieses Werkzeug, das ich ablehne.

**was dem Rockstar sein Groupie, ist dem Lektor seine Praktikantin (der Rockstar hat das Groupie nur 1 Nacht, bei durchschnittlich 50 Konzerten im Jahr sind das ca. 50 Nächte mit Groupie), der Lektor seine Praktikantin 3 Wochen und davon, da der Lektor im Schnitt romangemäss ein wenig Kennenlernzeit beansprucht, dann 10 Tage, das macht pi mal Daumen bei ca. 15 Praktikanntinen pro Jahr 150 Nächte mit Praktikantin (die dann allerdings meistens Vormittage sind, denn ein Lektor ist normalerweise verheiratet und die Frau nicht ganz doof). Das heisst, der Lektor hat mehr Nächte, dafür sind die Damen halt etwas älter und er hat weniger Auswahl.  Möge ein jeder nach seiner Façon glücklich sein...wie auch immer, jedenfalls muss die angehende Autorin optisch halbwegs den Praktikantinnen-Standard einhalten...

***zwei Preussen in Bayern!!!

****mein Drucker hat leider ausgerechnet kurz vor dem Treffen bei Seite 20 den Geist aufgegeben, rechtfertige ich mich...

***** ich finde, bei einem Genie wie mir müsste doch schon eine Seite reichen, gelle?

4.2.11 13:55

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